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Franz Kinker, Biobauer seit über 15 Jahren, erzählt, warum es keine Schnapsidee war, auf nachhaltige Landwirtschaft zu setzen – trotz anderslautender Kommentare aus seinem beruflichen und privaten Umfeld.

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Franz Kinker, Biobauer seit über 15 Jahren, erzählt, warum es keine Schnapsidee war, auf nachhaltige Landwirtschaft zu setzen – trotz anderslautender Kommentare aus seinem beruflichen und privaten Umfeld.

Meine Freunde taten mein Vorhaben als „spinnerte Idee“ ab. Willst du zu den „Grünen“, zu den „Alternativen“  wechseln? Das waren ihre Kommentare.  1998 war das. Damals reifte in mir die Entscheidung Bio Bauer zu werden. Ich muß zugeben, das war eine wagemutige Entscheidung mit ungewissem Ausgang.

Ich komme aus einer Generation von Bauern, denen in der Berufs- und Landwirtschaftsschule intensives Wirtschaften beigebracht wurde. Unsere Lehrer zeigten uns, wie viel Mineraldünger ausgebracht werden sollte um den optimalen Ertrag auf den Wiesen und Äckern zu erzielen. Und wenn Unkräuter überhand nahmen, wusste der Ausbilder sofort einen Rat, mit welcher chemischen Keule den Plagegeistern der Garaus gemacht werden konnte. Das war meine Lehrzeit. Und jetzt macht sich so ein Grünspund (ich) Gedanken, ob das alles richtig ist, und ob das der richtige Weg für seinen Betrieb ist. Denn eigentlich ist es so einfach, mit etwas Chemie auf bequeme Art und Weise große Mengen an Futter zu ernten. Aber will ich das, möchte ich meinen  Boden ausbeuten, möchte ich fragwürdige Substanzen auf meinen Wiesen ausbringen, möchte ich von der Chemischen Industrie abhängig sein? All diese Fragen ließen mir keine Ruhe.

Die Entscheidung auf „Bio“ umzustellen, die fiel nicht von heute auf morgen. Ich verbrachte schlaflose Nächte, grübelte, fragte meine Frau, die Eltern, und rechnete, ob sich das überhaupt rentiert.

Und irgendwann war es dann soweit: wir sattelten um auf „Bio“.

Das ist so einfach gesagt, hat es aber in sich: Eine Umstellungszeit muss eingehalten werden, in der die Produkte nicht als „Bio“ verkauft werden können, die Auflagen aber eingehalten werden müssen. Ich besuchte einen Einführungskurs, füllte Formulare aus und vor allem: änderte die Lebensweise. Man ist sich bewusst: man erzeugt nicht mehr Massen- und  no-Name Produkte, sondern Lebensmittel mit höchster Reinheit und Qualität.

Auf dem Bauernhof hat sich damals viel verändert: ich musste einen neuen Milchtank kaufen, weil die #Andechser Molkerei die Biomilch aus Umwelt- und Kostengründen  nur jeden zweiten Tag abholt. Die Kälber brauchten ein neues Zuhause, denn die Aufstallung entsprach nicht mehr den Öko Anforderungen. Und ich wusste damals auch: irgendwann brauchst du einen neuen Laufstall für deine Kühe. Dies war der Punkt, den ich am meisten scheute. Neben der anstrengenden Baumaßnahme über mehrere Jahre ist so ein Stallbau auch eine riesige finanzielle Belastung. Bei Baukosten von acht bis zehntausend Euro je Kuhplatz sind da schnell mal 300.000 bis 500.000 Euro  Schulden auf dem Hof. Nicht jeder traut sich so was zu. Das Risiko ist hoch, gerade dann, wenn der Milchpreis fällt und fällt. Dann fragt sich ein Milchbauer ( und auch ich fragte mich das): „ Sind die Erträge noch ausreichend, um mich, meine Familie und den Hof über Wasser halten zu können? Und wieder rechnete ich, kalkulierte, sprach mit der Bank, und letztendlich tat ich den Schritt nach Vorne: Der neue Kuhstall wurde gebaut.

Aber zurück zum Bio Bauern Franz: wie ging es mir damals – war die Entscheidung richtig?  Aus heutiger Sicht kann ich sagen: ja.

Zugegeben, die Anfangsjahre waren schwierig: der Ertrag auf den Wiesen ließ zu wünschen übrig, das Futter für die Tiere war knapp. Ich machte mir Sorgen: reicht das Futter wohl über den Winter?

Die Unkräuter, allen voran der stumpfblättrige Ampfer, fühlten sich so richtig wohl bei uns. Die ganze Familie, allen voran meine Eltern, rückte mit speziellen Werkzeugen aus, und grub jede Pflanze mühsam aus dem Boden. Wir haben uns geschunden und wussten: im nächsten Jahr kommen sie wieder – die Unkräuter.

Mittlerweile hat sich der Boden erholt und angepasst. Nun sind, auch aufgrund unseres biologischen Wirtschaftens, die Unkräuter auf ein erträgliches Maß zurückgegangen. Zum Glück. Und wenn ich es genau betrachte,  irgendwie gehören die ja auch dazu, zum Ganzen. In der Natur hat alles seine  Existenzberechtigung, das musste erst begreifen.

Auch Feriengäste schätzen Urlaub in intakter Natur

Ich glaube, dass sich die Umstellung auf „Bio“ auch auf unseren zweiten Betriebszweig, den Tourismus, positiv ausgewirkt hat.

Zu uns kommen jetzt auch Feriengäste, die ihren Urlaub bewusst auf einem Biohof genießen möchten. Ein Urlaub auf einen Bauernhof, das ist das richtige Reiseziel für Familien mit Kindern, Paare, Senioren, ja sogar stressgeplagte Manager finden hier die nötige „Erdung“, die ihnen zum Teil verlorengegangen ist. Die Gäste wollen abschalten, entschleunigen, Ruhe finden, Tiere beobachten, Kühe füttern. Sie wollen dabei sein wenn ich die Kühe von der Weide hole, die Kinder möchten Kaninchen streicheln und abends die Hühner in den Stall scheuchen, wenn sie sich in den Büschen verstecken.

Was bleibt mir als Resümee zu sagen?

Unter den Kollegen waren früher  die Bio Bauern die „Extragesottenen“, die Sonderlinge. Wir wurden belacht, gehänselt. Heute ist das anders – wir sind akzeptiert.

Ich bin mir auch sicher, dass meine Freunde und Schulkollegen meinen Weg respektieren, und ich bin froh, diesen Weg gegangen zu sein.

So, und jetzt gönne ich mir ein Gläschen feinen Likör, keinen Schnaps, auf die Entscheidung von damals. Die Idee war nämlich gut, keine Schnapsidee, genauso wie der selbstgemachte Likör von meinem Bio Kollegen.

Seid herzlich gegrüßt

Euer Bauer Franz.

 

By | 2017-06-27T13:44:29+00:00 Dezember 11th, 2014|Allgemein|